CIfA Jahrestagung 2026
Wann? - Sa., 7. Nov. 2026, 10:00 - 16:00 Uhr.
Wo? - Präsenzveranstaltung, CCL Congress Center Leipzig, im Rahmen der Messe denkmal
Tagungsgebühren? - (folgt).
Anmeldung? - (folgt).
Nachhaltigkeit in der Archäologie – Verantwortung für Daten, Funde und Wissen
Archäologische Arbeit ist irreversibel. Nachhaltigkeit bedeutet daher vor allem die langfristige Sicherung, Nutzbarkeit und Sichtbarkeit von Funden, Daten und Forschungsergebnissen. Angesichts stetig wachsender Fund- und Datenmengen stellen sich zentrale Fragen nach Bewertung, Priorisierung, Auswertung und gesellschaftlicher Vermittlung archäologischer Ergebnisse.
Die Jahrestagung bietet ein Forum für den fachlichen Austausch zwischen Denkmalpflege, Forschung, Grabungspraxis, Museen, Dateninfrastrukturen und Öffentlichkeit.
Vorträge
Zwischen Schutzauftrag und Zumutbarkeit – Wie nachhaltig ist das Verursacherprinzip?
Philip Lüth (Archäologie & Beratung)
Der Vortrag untersucht das Verursacherprinzip im Spannungsfeld von Schutzauftrag und Zumutbarkeit als zentrale Nachhaltigkeitsfrage der Archäologie. Ausgehend vom Genehmigungsvorbehalt und der gesetzlichen Vermutungsregel wird gezeigt, wie rechtliche Steuerungsinstrumente archäologische Eingriffe begrenzen und legitimieren. Nachhaltigkeit erweist sich dabei nicht als Maximierung von Grabungstätigkeit, sondern als ausgewogene, verhältnismäßige Abwägung zwischen Eigentumsbelastung, wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse und gesellschaftlicher Akzeptanz.
Vom Einzelobjekt zur Massendigitalisierung: Automatisierte, non-invasive 3D-Erfassung archäologischer Kleinfunde.
Roland Clauß (Dr. Clauss Bild- und Datentechnik GmbH)
Die hochauflösende 3D-Digitalisierung archäologischer Kleinfunde steht vor der Herausforderung, konservatorische Anforderungen mit hohen Ansprüchen an Datenqualität, Reproduzierbarkeit und Effizienz zu vereinen. Insbesondere bei empfindlichen Materialien sind berührungslose Verfahren erforderlich, die eine vollständige Erfassung ohne mechanische Belastung ermöglichen.
Der Beitrag stellt mit dem CyberGlobe-System einen automatisierten, photogrammetrischen Workflow vor, der eine non-invasive Digitalisierung archäologischer Objekte bei gleichzeitig konstant hoher Datenqualität erlaubt. Durch kontrollierte Aufnahmebedingungen und einen weitgehend automatisierten Prozess mit minimalem Bedienereinfluss entstehen konsistente, hochauflösende 3D-Datensätze mit präziser Geometrie und farbmetrisch belastbarer Textur. Die vollständige Erfassung komplexer Geometrien erfolgt ohne Repositionierung des Objekts und reduziert damit sowohl das Risiko für das Fundmaterial als auch potenzielle Fehlerquellen.
Ein zentraler Fokus liegt auf der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse sowie auf der Effizienz der Datenerzeugung. Automatisierte Abläufe ermöglichen die Erstellung vergleichbarer Datensätze über große Objektmengen hinweg und führen gleichzeitig zu einer deutlichen Reduktion des Zeit- und Arbeitsaufwands pro Objekt. Dadurch wird die Digitalisierung auch umfangreicher Sammlungen wirtschaftlich realisierbar und in skalierbare Prozesse überführbar.
Die erzeugten Datensätze bilden zugleich die Grundlage für weiterführende Visualisierungs- und Analyseverfahren, wie beispielsweise Gaussian Splatting, und eröffnen damit neue Möglichkeiten in der wissenschaftlichen Auswertung, digitalen Vermittlung und interaktiven Präsentation.
Anhand ausgewählter Anwendungsbeispiele – darunter die Digitalisierung einer paläolithischen Mammutelfenbein-Figur – wird gezeigt, dass automatisierte, non-invasive Verfahren nicht nur konservatorische Vorteile bieten, sondern insbesondere durch gleichbleibend hohe Qualität, reduzierte Kosten und hohe Durchsatzraten einen entscheidenden Beitrag zur breiten Verfügbarkeit digitaler 3D-Daten in der Archäologie leisten können.
Licht als Werkzeug: Reflectance Transformation Imaging (RTI) als konservatorisches Werkzeug für eine nachhaltige digitale Dokumentation archäologischer Objekte.
Saskia Blumenstein (Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Abteilung 3, Archäologische Fachaufgaben, Bereich Restaurierung)
Der Beitrag stellt das fotografische Digitalisierungsverfahren Reflectance Transformation Imaging (RTI) aus konservatorischer Perspektive vor. RTI erzeugt durch variierende Beleuchtungsrichtungen eine interaktive, hochauflösende Oberflächenrepräsentation, die feinste Bearbeitungsspuren, Inschriften und Materialveränderungen sichtbar macht.
Aus Sicht der Restaurierung bietet RTI ein nachhaltiges Potenzial: Es ermöglicht eine präzise, nicht-invasive Dokumentation, erzeugt langfristig interpretierbare Daten auf Basis offener Formate und unterstützt interdisziplinäre Zusammenarbeit. Zudem ist das Verfahren mit einfachen Mitteln anwendbar.
Der Vortrag erläutert die technischen Grundlagen sowie die Integration von RTI in konservatorische Arbeitsprozesse. Anhand von Praxisbeispielen wird gezeigt, wie RTI zur Zustandserfassung, Schadensanalyse und Dokumentation eingesetzt werden kann. Abschließend werden Anforderungen an Datenmanagement und Archivierung diskutiert, um RTI nachhaltig in archäologische Dokumentationsstrategien einzubinden.
RTI steht damit exemplarisch für digitale Methoden, die einen zukunftsorientierten und verantwortungsvollen Umgang mit kulturellem Erbe fördern.
Nachhaltiger Umgang mit organischen archäologischen Funden – eine interdisziplinäre Perspektive.
Kathrin Krüger (Universität Leipzig), Johanna Klügl (Archäologischer Dienst Bern /Hochschule der Künste Bern) & Oliver Nelle (Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg)
Nass erhaltene organische Funde, etwa aus Rinde, Holz oder Fasern aus der Ur- und Frühgeschichte sind grundsätzlich selten und stellen gerade aus diesem Grund ein großartiges Erkenntnispotential dar. Der Umgang mit solchen Funden stellt Forschende aber vor Herausforderungen in Bezug auf nachhaltiges Handeln, die sich auf Konservierung, Dokumentation und Lagerung beziehen.
Häufig bedeutet allein die Freilegung organischer Funde einen maßgeblichen zeitlichen Aufwand, da mit großer Vorsicht vorgegangen werden muss und aufwendige Stützkonstruktionen notwendig sind, um die fragilen Funde nicht zu beschädigen. Ab dem Zeitpunkt der Bergung müssen die Objekte adäquat feucht und kühl gelagert und auch zeitnah konserviert werden, um nicht nach der Bergung zu degenerieren und so doch verloren zu gehen. Je nach Zustand und Fragmentierungsgrad der jeweiligen Objekte bindet die Konservierung mitunter stark zeitliche Ressourcen und teilweise sind Materialien wie Objekte aus Baumrinden so selten, dass keine optimale Standardbehandlung bekannt ist. Zur Erreichung einer ausreichenden Stabilität wurden in den letzten 50 Jahren häufig starke und invasive Festigungsbehandlungen angewandt, die jedoch die Lesbarkeit und Identifizierung der Baumrinde beeinträchtigen und damit die archäologische Auswertung erheblich erschweren. Heute versucht man, weniger in die Substanz einzugreifen; jedoch sind die Objekte nach dem Trocknen dann häufig sehr fragil, sodass jede Handhabung ein Schadenspotenzial birgt.
Das Problem des Zeitaufwands potenziert sich an Fundstellen mit gehäuftem Auftreten organischer Funde, etwa in der Pfahlbauarchäologie im alpinen Vorland. Hier kann es nötig sein zu selektieren und zu priorisieren, welche organischen Funde dauerhaft konserviert werden. Eine längere, unkonservierte, nasse und kühle Lagerung stellt einen hohen Energieverbrauch dar und verzögert die weitere Zersetzung nur, verhindert diese aber nicht. Ein Gefrieren würde die biologischen Abbauprozesse stoppen, ist aber unter energetischen und konservatorischen Gesichtspunkten kritisch. Und selbst bei konservierten Funden kann die langfristige Lagerung schwierig sein, weil an Verpackungsmaterial und Raumklima besondere Anforderungen gestellt werden, die ohne energetischen Aufwand und ohne erdölbasierte Ressourcen nicht erfüllt werden können.
Umso wichtiger ist es für alle organischen Funde, sie möglichst zeitnah und ggf. aufwendig zu dokumentieren. Das gilt insbesondere für gut erhaltene Objekte, an denen konstruktionstechnische Merkmale und Details wie Schnüre oder Bearbeitungsspuren von z. B. Beilen noch vorhanden und untersuchbar sind. Hierfür fehlen in der Regel aber die personellen Ressourcen und mitunter auch das Fachwissen, weil organische Funde weiterhin und gemeinhin als weniger spektakulär betrachtet werden als z. B. Metallfunde.
Im Vortrag werden diese Herausforderungen am Beispiel von Rinden- und Holzfunden im Rahmen der Erfahrungen von Mitgliedern des Projekts Archaeobark aus konservatorisch-restauratorischer, dendrologischer und archäologischer Perspektive aufgezeigt. Zudem wird für die Entwicklung nachhaltiger Konzepte im Umgang mit organischen Materialien plädiert. Diese müssen Aspekte wie bewusste Auswahl der zu konservierender Funde, das Verhältnis von Aufwand zu Erkenntnisgewinn, zeitliche und personelle Ressourcen sowie verschiedene Dokumentationsmöglichkeiten einbeziehen; nicht zuletzt müssen sie der Problematik fachlich und sachlich angemessen, andererseits aber auch umsetzbar sein.
Unsichtbares sichtbar machen: GIS-gestütztes Landschaftsscreening als Instrument nachhaltiger Trassenplanung im Vorfeld linearer Infrastrukturprojekte.
Britta Kopecky-Hermanns (Büro für Bodenkunde & Geoarchäologie, beratende Geowissenschaftlerin)
Durch den Bau linearer Großprojekte werden meist eine Vielzahl archäologischer Bodendenkmäler und Fundstellen durch den Trassenverlauf tangiert. Die langjährige praktische Erfahrung in der geoarchäologischen und archäologischen Begleitung solcher Großprojekte zeigt, dass vor allem die unbekannten Bodendenkmäler und Fundstellen einen hohen Prozentsatz einnehmen und dadurch die Durchgängigkeit im Bauablauf behindert werden kann. Um im Vorfeld eines der bisher größten linearen Infrastrukturprojektes durch Deutschland – dem SuedOstLink (SOL) - die Belange des Denkmalschutzes umfassend zu berücksichtigen, ist für den bayerischen Abschnitt in enger Abstimmung mit dem Vorhabenträger (TenneT TSO GmbH), dem Bayerischen Landesamt für Bodendenkmalpflege (BLfD) und der Fachkoordination Denkmalschutz ein Methodenkonzept entwickelt worden, in dem durch eine fachübergreifende Desktop-Analyse eine Datenrecherche der historisch-geographischen, naturräumlichen, geoarchäologischen und archäologischen Grundlagen im Trassenverlauf durchgeführt wurde. Anhand dieser GIS-gestützten Grundlagenerfassung konnten weitere nicht-invasive und invasive Prospektionen geplant werden, um einen optimalen Verlauf der Trasse zum Schutz der archäologischen Fundstellen zu entwickeln. Als zentrales Ergebnis der umfassenden Analysen und Prospektionen können archäologische Konfliktzonen im Trassenverlauf ausgewiesen und somit im Vorfeld der eigentlichen Baumaßnahme bauvorgreifende und baubegleitende archäologische Arbeiten flächenscharf geplant und durchgeführt werden, um das kulturelle Erbe zu schützen und einen nachhaltigen Trassenbau durchzuführen.
Nachhaltigkeit am Ort der Grabung: Konzepte zur langfristigen Vermittlung archäologischer Befunde.
Sascha Piffko (SPAU GmbH)
Für Bauträger ist der Kontakt mit Archäologie häufig zunächst mit Unsicherheiten verbunden: zusätzliche Kosten, Zeitverzug und Planungsrisiken stehen im Vordergrund. Bleiben Untersuchungen ohne Befund, überwiegt die Erleichterung. Werden jedoch bedeutende Funde gemacht, kann dies zunächst als Belastung erscheinen. Gerade hier liegt jedoch ein oft unterschätztes Potenzial.
Ein zukunftsorientierter Ansatz besteht darin, Archäologie nicht als Hindernis, sondern als Ressource zu begreifen. Ziel ist es, archäologische Befunde am Ort ihrer Entdeckung sichtbar und erfahrbar zu machen – auch nach der Überbauung. Dadurch bleibt Geschichte nicht abstrakt, sondern wird genau dort vermittelt, wo sie stattgefunden hat. Dies kann auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden – durch einfache analoge und digitale Vermittlungsangebote, die vor Ort sichtbar sind und einen niedrigschwelligen Zugang mit vertiefenden Einblicken verbinden. Solche Maßnahmen machen Archäologie dauerhaft sichtbar und erhöhen gleichzeitig die Attraktivität eines Standortes. Ein Supermarkt mit integrierten archäologischen Elementen oder eine Schule mit Ausstellungsbereich sind nicht nur ungewöhnlich, sondern schaffen ein Alleinstellungsmerkmal, das Besucher anzieht und Identifikation stiftet.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung ist die enge Zusammenarbeit zwischen Archäologie, Bauherren, Kommunen und Planern. Wenn diese frühzeitig erfolgt, lassen sich kreative und wirtschaftlich tragfähige Lösungen entwickeln, die sowohl den Baufortschritt sichern als auch den kulturellen Mehrwert nutzen. Archäologische Entdeckungen können somit einen nachhaltigen Nutzen entfalten – kulturell, gesellschaftlich und auch wirtschaftlich. Sie bieten die Chance, Orte aufzuwerten, regionale Identität zu stärken und Geschichte dauerhaft in den Alltag zu integrieren.
The deep end of the FAIR principles, making documentation from archaeological excavations in Sweden interoperable and reusable through Swedigarch
Daniel Löwenborg (Associate Professor in Archaeology, Uppsala University)
The Swedish National Infrastructure for Digital Archaeology, Swedigarch, is a federated infrastructure that combines data from different resources, including environmental data, finds, 3D models and GIS data. GIS data is managed in the AGES database, where existing data from excavations are made findable and accessible in open formats. To make the information truly interoperable and reusable, there would be great benefits if data was standardised already from the creation as part of field work. This would include the use of open formats, specified data structure, controlled vocabularies and resolvable identifiers. Through a few projects, we have started to develop these standards, with the aim of making the data FAIR, without infringing on the archaeological workflow and interpretations in the field. These principles are now put to the test as they will be further developed and applied as part of the Ostlänken railroad excavations, the largest archaeological project in Sweden to date. A formal requirement as part of these excavations is that data will be made available after the excavations, something that has for a long time been prescribed, but not the practice. I will present how we have been approaching this work in Sweden, how far we have come, what solutions has worked for us and what challenges remains to be solved, with the hope that several aspects of our work also could be applied in other contexts.
Möglichkeiten und Grenzen des Mediums Podcast.
Christoph Genzel (Soilcast – Der bodenständige Podcast)
Stand: 11. Mai 2026
Unsere vergangenen Tagungen finden Sie hier.
